Zur Geschichte der Knappenvereine

Die Knappenvereine haben eine Jahrhunderte alte Tradition. Dabei hat sich ihre ursprüngliche Ausrichtung stark verändert. Knappe ist die frühere Bezeichnung für jemanden, der die Lehre als Bergmann erfolgreich abgeschlossen hat und leitet sich wahrscheinlich von Knabe oder auch Knecht ab. Für 1449 ist aus Freiberg belegt, dass der Begriff als Berufsbezeichnung benutzt wurde. Später wurde er zum Synonym für der Bergmann.
Mit der Zeit entstanden Knappschaften. Diese Zusammenschlüsse kümmerten sich um Kranke und Verletzte. Deren Genesung war wichtig, da sie überwiegend im Erzbergbau (Gold und Silber) tätig waren. Für die Landesherren war dieser sehr wichtig u.a. für die Münzprägung. Daher waren Bergleute privilegiert und oft hoch angesehen. Es entwickelten sich die bis heute gepflegten Traditionen wie Bergfeste mit großen Paraden und Umzügen. Dazu gehörten Uniformen und Fahnen. Uniformen trugen Bergbeamte und Steiger auch unter Tage, die Knappen eine mehr oder weniger einheitliche Arbeitskleidung. Hier liegt der Ursprung des "Kittels", der heutigen Festkleidung bei öffentlichen Anlässen. Letzlich entwickelte sich eine ständische Struktur mit juristisch genau festgelegten Regularien. Beispielsweise erhielten Tagelöhner keine Unterstützung.
Die Knappenvereine im Ruhrbergbau (und den anderen Revieren) kamen nicht aus dieser Tradition. Sie entstanden mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert und hatten den Grundgedanken einer solidarischen Hilfsgemeinschaft. Die Sozialversicherung kam erst viel später. Eine politische Betätigung wie bei den Arbeitervereien war nicht vorgesehen. Man sah sich als Verein zur Unterstützung der Jungknappen bei deren Ausbildung und Erziehung zu treuen Untertanen, stellte befristete Hilfen wie Lohnfortzahlung bei Unfall oder Krankheit und Sterbegeld. Für die Bildungsarbeit existierten oft kleine Bibliotheken und das Singen war ein wesentlicher Teil der Arbeit. Viele Knappenvereine waren auch wie Gesangsvereine organisiert.

Frühe Darstellung eines Knappen im Ständebuch von 1568. Er war damals schon festes Mitglied in der ständischen Ordnung. Seine Stellung wird auch in den beiden letzten Zeilen klar angedeutet:

    Ich treib alles Ertz Knappenwerck/
  Im Thal und auff Sanct Annen Berg/
  Mit den Steigern/Knappen und Bubn
  In Stollen/Schacht und den Ertzgrubn/
  Mit graben/zimmern/böltzn und bauwn/
  Mit eynfahren/brechen und hauwn/
  Wird ich fündig und Silber bring/
  So ist der Bergherr guter ding.

Die Bubn waren die noch nicht in den Knappenstand aufgenommenen Arbeiter. Sie trugen keine Uniform.


Im "Schwazer Bergbuch" von 1556 findet man die erste Darstellung eines Knappschaftskrankenhauses. Daraus entwickelten sich die heutigen Krankenhäuser wie das Bergmannheil im Ehrenfeld. Die ursprüngliche Nähe zum Bergbau zeigt auch die Lage nahe der Bundesknappschaft, die heute als für jeden offene Krankenkasse arbeitet.


Steiger auch Schneeberg (Sachsen) um 1890 in typischer Arbeitskleidung. Erkennbar sind Bergkittel und Arschleder. Beide werden auch heute bei Paraden getragen.


Nächtliche Bergparade in Freiberg um 1830. Die Rangfolge bestimmt die Marschblöcke. Vorne die Bergbeamten, die das Recht zum Führen eines Degens hatten (sonst nur dem Adel erlaubt), dann folgen die Steiger. Weiter hinten folgen die verschiedenen Berufsgruppen innerhalb der Knappen.


Ein Füllort der Erzgrube Dorotheaim Harz um 1820. Die hier zu sehende Arbeitskleidung gehört auch zur heutigen Tracht bei Bergparaden, allerdings nur in den Erzbergbaurevieren. Die Knappenvereine im Ruhrgebiet tragen einen Anzug, bei den das Jackett aus der Festtagskleidung der Steiger stammt.


Auch wenn die Knappenvereine keine kirchlichen Einrichtungen waren bestand vor allem mit der katholischen Kirche eine enge Verbindung. Die gefährliche Arbeit mit vielen tödlichen Unfällen bedingte eine mehr oder weniger stark ausgeprägte Religiösität der Bergleute. Ein Ausdruck ist die Verehrung der Schutzheiligen Barbara. Auffällig war eine Zweiteilung. Um Essen herum war die Nähe zur Kirche sehr ausgeprägt. Dieser Bereich war traditionell auf das katholische Rheinland ausgerichtet. Im protestantische Westfalen - besonders im Raum Dortmund - entstanden viele nichtkonfessionelle Vereine.
Mit dem Ende des Direktionsprinzips im peußischen Bergbaus wurden die Arbeitsbedingungen schlechter und der erste große Streik in Essen 1872 brachte Spannungen zwischen dem Staat und den katholischen Vereinen, obwohl die Religionszugehörigkeit sicher keine große Rolle bei diesem Streik spielte. Die Folge war teilweise der Vereinsausschluss von Sozialdemokraten, die als Rädelsführer angesehen wurden. Die Politik wurde fortan noch strikter aus dem Vereinsleben verbannt.
Ein weiterer Umbruch bedeutete die Machtübernahme Hitlers. Mehr oder weniger offen übernahmen viele Vereine seine Ideologie. Als die Knappenvereine nach 1945 wieder ihre Arbeit aufnahmen stand mehr die Traditionspflege im Vordergrund. Als soziales Sicherungssystem bestand schon lange die Bundesknappschaft. Mit der Kohlekrise ab 1958 gingen auch die Aktivitäten zurück, die natürlich auch von den auf den Zechen Beschäftigten getragen wurden. Heute ist die Traditionspflege der Hauptgedanke hinter den noch bestehenden Vereinen. Um dem Mietgliederschwund zu begegnen wurden auch Frauen und Berufsfremde aufgenommen.

Das Diagramm zeigt die Zahl der Vereinsgründungen. Es besteht ein enger Zusammenhang mit dem Boom von Zechengründungen bei der Nordwanderung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der 1. Weltkrieg und die Ruhrbesetzung mit der folgenden Inflation beendete die Gründungen, zumal ab 1926 die erste Stilllegungswelle folgte.

 

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